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FC Schalke 04 - Vom eingetragenen Verein 
zur eingetragenen Genossenschaft?  

Chancen für einen Neustart des FC Schalke 04 als eG im modernen Profi-Fußball.

Herr Althaus, sie waren bis Ende 2019 Präsident des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes – welche Chancen sehen sie für die eG im Profifußball? 

Ich war überrascht und erfreut als mein Geschäftspartner Wolfgang Pachali vor einiger Zeit die Idee mit dem Marketing-Experten Raphael Brinkert diskutiert hat und ich war positiv überrascht, dass der FC Schalke 04 diese Rechtsform in Erwägung zieht. Es gibt rund 8.000 Genossenschaften in Deutschland: Im Bau- Energie-, Bank-, Versicherungs- und IT-Sektor darunter viele junge Start-ups – warum nicht also auch bald einen Profi-Fußballverein? 

Mehr als 22 Millionen Deutsche sind Mitglied in einer Genossenschaft. Genossenschaft, d.h., was einer allein nicht schafft, das schaffen viele. Genossenschaften verkörpern Begriffe wie Miteinander, Solidarität, Aktivität und ganz wichtig: Förderung!  Sie können Fans die Mitbestimmung und Teilhabe ermöglichen, wie es sonst nur der ein Verein ermöglicht. Ich behaupte: allerdings mit mehr Professionalität. 

Das klingt weniger nach Rechtsformwechsel als nach einem Wechsel des Selbstverständnisses

Wer sich für die Rechtsform der Genossenschaft entscheidet, entscheidet sich für eine ganz bestimmte Haltung, ein spezifisches Selbstverständnis. Mitglieder von Genossenschaften übernehmen gemeinsam Verantwortung für eine Idee, ihre Region und ihre Gemeinschaft. Sie geben jedem einzelnen Genossenschaftsmitglied ein Mitspracherecht und stellen das Wohl der Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Genossenschaften sind der festen Überzeugung, dass wirtschaftliche Aktivitäten auf Vertrauen beruhen und nicht über die Köpfe der Menschen hinweg praktiziert werden dürfen. Genossenschaften sind auf Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit ausgerichtet. Aus meiner Sicht ein wohltuendes Korrektiv zu den teilweise sehr hektischen und kurzfristig ausgerichteten Verhaltensweisen in den Managementetagen zahlreicher Profi-Fußballvereine.

Bevor wir zur rechtlichen Seite des Rechtsformwechsels kommen – was verbindet Sport-Fußball-Schalke 04 mit Genossenschaft?

Die ersten Genossenschaften sind in wirtschaftlichen Krisenzeiten entstanden, in Zeiten des extremen Verlustes an Vertrauen. Die Gründer der ersten Genossenschaften haben uns damals vor Augen geführt, wie wichtig Anstand, Fairness und Vertrauen sind. Kernbotschaften von Friedrich Wilhelm Raiffeisen – einer der beiden geistigen Väter - lauteten: „Du bist nicht allein, Du kannst etwas tun, Zeig, was in dir steckt“. 

Bitte entschuldigen sie den kurzen historischen Ausflug – aber ist es nicht genau das was Sport, Fußball und Schalke 04 im Kern ausmacht, ausmachen sollte:  Die Ärmel hochzukrempeln, Initiative ergreifen, nach Lösungen zu suchen – das macht das Genossenschaftliche aus. Selbstorganisation, Selbstverwaltung, Selbstverantwortung – daraus könnte eine erfolgreiche Zukunft für Schalke 04 erwachsen. 

Und vielleicht noch ein ganz aktuelles Beispiel:  Die Genossenschaften in Deutschland haben sich über alle Branchen hinweg das Motto „Ein Gewinn für alle – Die Genossenschaften“ gegeben.

Sollte Schalke 04 die Rechtsform der Genossenschaft in Erwägung ziehen, liegt darin aus meiner Sicht erhebliches Potenzial.

Kommen wir zur rechtlichen Seite des möglichen Rechtsform-Wechsels

Rechtlich steht dem Rechtsformwechsel vom Verein zur Genossenschaft nichts im Wege. Das Umwandlungsgesetz ermöglich dies. Ob aber ein Rechtsformwechsel oder die Gründung einer neuen Gesellschaft der richtige Weg ist, ist zu prüfen.

In vielerlei Hinsicht ist die eingetragene Genossenschaft einem Verein ähnlich – die Mitglieder teilen gemeinsame Interessen und Ziele oder fördern durch ihre Tätigkeit soziale und kulturelle Belange. Im Gegensatz zum Verein, der gewöhnlich nicht wirtschaftlich tätig ist, hat die Genossenschaft jedoch genau diesen Zweck: Es handelt sich um einen Zusammenschluss, der an erster Stelle auf die Durchführung eines wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes ausgerichtet ist. 

Rechtlich betrachtet ist die eingetragene Genossenschaft eine Kapitalgesellschaft. Eine Genossenschaft unterliegt den für alle Kapitalgesellschaften geltenden handelsrechtlichen und steuerrechtlichen Vorgaben. Die notwendigen Dokumentationen der Beschlüsse von Vorstand oder Aufsichtsrat und die wiederkehrenden Berichterstattungen der Entscheidungsgremien sorgen für Transparenz und dienen letztlich dem Schutz der Mitglieder. Und was besonders wichtig ist: Es gilt: Ein Mitglied – eine Stimme. Damit ist sichergestellt, dass die Gemeinschaft nicht von einigen wenigen gegen den Willen der Mehrheit beherrscht werden kann.

 

Wer kann Mitglieder der Genossenschaft werden?

Mitglied der Genossenschaft können nicht nur natürliche Personen, sondern auch Unternehmen, Vereine und Kommunen sein – sie alle haben die Möglichkeit, sich der Genossenschaft anzuschließen. Allerdings kann die Satzung dies einschränken, z.B. um sicherzustellen, dass ein gemeinschaftliches Interesse sichergestellt wird. Aus der Praxis: Bei der Intersport eG sind dies die Sportfachhändler oder bei der Edeka eG die Lebensmitteleinzelhändler.

 

Wie haften die Mitglieder einer Genossenschaft?

Die Haftung der Mitglieder ist auf die Geschäftsanteile begrenzt. Das Genossenschaftsgesetz sieht grundsätzlich für den Fall einer Insolvenz die Möglichkeit einer Nachschusspflicht der Mitglieder vor. Die Nachschusspflicht ist in der Satzung festzulegen. Sie kann begrenzt oder auch ganz ausgeschlossen werden.

 

Wie würde eine Genossenschaft Schalke 04 eG geführt? 

Eine Genossenschaft besteht aus drei Führungsgremien: der Generalversammlung, dem Vorstand sowie dem Aufsichtsrat. 

Der Generalversammlung gehören alle Mitglieder an. Die Generalversammlung wählt aus ihrer Mitte den Aufsichtsrat. Dieser wiederum bestellt und beruft den Vorstand ab. 

Über wesentliche Fragestellungen, z.B. eine Veränderung der Satzung, bestimmt die Generalversammlung mit 2/3 Mehrheit. Und auch die Verwendung des Jahres- überschusses oder die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat entscheidet die Generalversammlung. Zusätzlich lässt das Genossenschaftsgesetz die Bildung einer Vertreterversammlung zu. So kann eine Gruppe von Mitgliedern aus dem Kreis aller Mitglieder gewählt werden, die die vorbezeichneten Aufgabenstellungen interessewahrend übernimmt. 

Der Vorstand führt das Geschäft eigenverantwortlich und gemäß der Zielsetzung des Unternehmens. Der Vorstand berichtet an den Aufsichtsrat über die geschäftliche Entwicklung der Genossenschaft. Hier eine Zusatzbemerkung: Dem Vorstand in einer Genossenschaft kommt eine sehr eigenverantwortliche Rolle zu. Er ist z.B. nicht an Weisungen des Aufsichtsrates gebunden. Er ist allein den Zielen und Werten der Genossenschaft verpflichtet. Selbstverständlich bedarf er aber zur Durchführung besonderer Geschäfte der Zustimmung des Aufsichtsrates. Einhergehend mit dieser starken Position des Vorstandes geht aber eine Besonderheit im Zusammenhang mit der Jahresabschlussprüfung: Die Genossenschaften sind die einzige Rechtsform, die in der Prüfung des Jahresabschlusses auch eine quasi Leistungsprüfung für die Arbeit des Vorstandes verlangt.

Der Aufsichtsrat ist das Überwachungsorgan in der Genossenschaft und vertritt die Interessen der Genossenschaft gegenüber dem Vorstand. Auch die Zusammensetzung des Aufsichtsrats, dem mindestens drei, möglichst fachkundige Personen angehören, wird durch die Generalversammlung bestimmt. Er prüft den vom Vorstand vorgelegten Jahresabschluss und informiert die Mitglieder über die Angelegenheiten und Entwicklungen der Genossenschaft. 

Was wird zur Gründung der eG benötigt?

Benötigt wird ein überzeugendes, nachvollziehbares und belastbares Unternehmenskonzept. Das Wirtschaftskonzept muss einen Geschäftsplan für mindestens drei Jahre enthalten. Darin muss darlegt werden, welche Tätigkeiten und Investitionen geplant sind, wie hoch die Eigenmittel und welche Einnahmen und Ausgaben zu erwarten sind. Der gesamte Wirtschaftsplan hat einen gewichtigen Stellenwert bei der Beurteilung durch den genossenschaftlichen Prüfungsverband. 

Prüfung - Genossenschaftsverband? 

Jede Genossenschaft ist zur Mitgliedschaft bei einem Prüfungsverband verpflichtet. Dort erfolgt z.B. die sogenannte Gründungsprüfung. Der Verband untersucht, ob die zukünftige Genossenschaft die rechtlichen und formalen Voraussetzungen erfüllt und ob das eingereichte Wirtschaftskonzept den Anforderungen realer wirtschaftlicher Tätigkeit entspricht. Genossenschaften sind auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, die langfristige Perspektive und Stabilität steht im Fokus – gerade bei der jährlichen gesetzlichen Prüfung durch den Prüfungsverband.

 

Die wirtschaftliche Seite von Schalke 04 eG

Hierbei spielen zunächst zwei Bereiche eine zentrale Rolle: die Vermögenssituation und die Wirtschaftlichkeit des laufenden Geschäftes. 

Die Beurteilung der Vermögenssituation eines Profi-Fußballklubs stellt in der Praxis durchaus eine Herausforderung dar; schließlich sind die wesentlichen Vermögensteile eine Spezialimmobilie, wie hier die Arena auf Schalke und nicht viel diffiziler der Wert des Spielerkaders, der in der Bilanz als sogenannter immaterieller Vermögenswert abgebildet wird. Ausweislich der Zahlen im veröffentlichten Geschäftsbericht des Konzerns Schalke 04 ist die Vermögenssituation auf den ersten Blick nicht rosig. Welche Reserven allerdings in den Bewertungsansätzen der Bilanzpositionen stecken, ist von außen nicht ersichtlich. Hier muss aber sehr genau hingeschaut werden.

Eine Mitgliederbeteiligung, z.B. an einer Genossenschaft, könnte den Verein hier sicherlich auf ein ganz neues Niveau bringen. Mal unterstellt der Genossenschaftsanteil würde 100 Euro kosten und die Vereinsmitglieder des FC Schalke 04 (nach meiner Kenntnis rund 160.000) würden im Schnitt fünf Anteile kaufen, könnte der Verein auf ein stabiles Eigenkapital von rund 80 Mio. zurückgreifen.

Die Bewertung der Profitabilität des laufenden Geschäftes, also der Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben des Vereins, dürfte im Moment deutlich anspruchsvoller sein. Bedingt durch die sportlich nur teilweise vorhandenen Erfolge der letzten beiden Spielzeiten und massiv eingebrochener Erlöse aus der Nutzung der Schalke Arena im Umfeld der COVID 19 Krise, ist hier sicherlich eine Restrukturierungsplanung unumgänglich. Ob sich hieraus eine stabile Ertragsfähigkeit für die Zukunft ableiten lässt, kann ich mit den mir vorliegenden Informationen nicht beurteilen.

 

Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Situation des Vereins und die Ursachen, die dazu geführt haben?

Eine Bewertung steht mir nicht zu, meine Empfehlung ist nach vorne zu schauen, eine belastbare und nachvollziehbare Perspektive zu entwickeln und ein stabiles organisatorisches und rechtliches Konstrukt zu gestalten. 

Erfolgreiche Krisenbewältigung verlangt die Unterstützung aller Betroffenen, die Überwindung von Animositäten. Dabei hilft i.d.R. ein struktureller Neuanfang mit einem gemeinsam entwickelten überzeugendem und tragfähigem Zukunftskonzept.

Und mit einer glaubwürdigen und vertrauenswürdigen Führungscrew ohne Altlasten.  

 

Sie sprachen von einer Neu-Ausrichtung des Sponsorings – als eine mögliche Option

Die R+V Versicherung ist derzeit schon Sponsor von Schalke 04. Die R+V ist wichtiger Bestandteil des genossenschaftlichen Finanzverbundes, zu dem u.a. auch die Bausparkasse Schwäbisch Hall und die DZ Bank gehören. 

Innerhalb der genossenschaftlichen Organisation aber auch in der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die sich auch im Kontext von Corporate Social Responsibility klar positionieren. Also warum soll nicht Gegenstand eines Sponsorings oder auch dem Aufdruck auf einem Trikot ein gemeinsam getragener Wert sein? Die Identifikation zwischen einem Verein, seinen Mitgliedern und finanziellen Unterstützen mit gleichen Werten ist aus meiner Sicht existenziell für das Funktionieren langfristig ausgerichteter Partnerschaften. 

In der Vergangenheit war auch in der Bundesliga immer wieder zu beobachten, wie zufällig entstandene oder persönlichen Netzwerken entsprungene finanzielle Partnerschaften Vereinen langfristig eher geschadet als geholfen haben.

Übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Profifußball Verein mit der Fragestellung beschäftigt, sich in eine Genossenschaft umzuwandeln, wie mir auf Rückfrage vom Vorstand des potenziell zuständigen Prüfungsverbandes, der das Vorhaben genehmigen müsste, bestätigt wurde. Und dass die Werte von Schalke 04 und die Werte der genossenschaftlichen Familie eine hohe Überschneidungsmenge haben, ist unübersehbar.